Osterausflug in die DDR im Jahr 1978

 

Groß Rhode

Die DDR kannten wir nur aus dem Fernsehen oder durch den Besuch der nicht weit von Braunschweig entfernten Grenzanlagen. Ein unvergessliches Erlebnis war für uns die Beobachtung des mitten im Wald, unterhalb des Brockens, in einer Senke befindlichen Grenzbereiches. Von einer Anhöhe konnten wir der Sicherheit wegen aus respektabler Entfernung die freigeschlagenen Grenzbefestigungen mit ihren Zäunen, Todesstreifen und Laufleinen für die Hunde beobachten. Es herrschte eine unheimliche Stille. Nur aus der Ferne hörten wir Hundegebell. Und für kurze Zeit auch das Fahrgeräusch der für militärische Zwecke genutzten Brockenbahn. Wir fühlten uns beobachtet. Und wurden es sicher auch. Die Sonne spiegelte sich in den Gläsern der Ferngläser. Wir hatten das Gefühl, die Befestigungsmauer eines Zuchthauses vor uns zu haben. Nach ca. 30 Minuten verließen wir geräuschlos dieses Tal des Schreckens.


Mit diesem mulmigen Gefühl im Hinterkopf besuchten wir zum Osterfest 1978 für die Dauer einer Woche Verwandte in einer kleinen Stadt Sachsen-Anhalts, in der Nähe des Harzes. Bepackt mit Süßigkeiten für die Kinder und kleinen Geschenken für die Erwachsenen ging unsere Fahrt Richtung Grenze, Richtung Marienborn. Die Grenzkontrolle war schon der erste beklemmende Eindruck, den wir über das nahe, aber doch so ferne Land gewannen. Grimmige, uniformierte Frauen nahmen uns die Pässe ab und legten diese auf ein Förderband. Unter den belauernden Blicken der Damen warteten wir auf unser Urteil: "Schuldig oder Unschuldig?" Kurz, wir durften einreisen.
Die zuvor geltende Bestimmung nur eine bestimmte Fahrtroute zu nehmen war inzwischen aufgehoben. Nun galt es auf der Autobahn strikt die Geschwindigkeitsbeschränkung von 100 km/h einzuhalten. Versteckt hinter Brücken lauerte Polizei, um bei deren Überschreitung sofort eingreifen zu können und saftige Bußgelder in DM zu kassieren. Kurz vor der Abfahrt nach Magdeburg suchten wir noch einen Intershop-Laden auf, um dort verbilligte Westwaren für unsere Verwandtschaft zu kaufen.
Magdeburg hieß zu dieser Zeit nur noch “Magde”, denn der restliche Teil des Ortsschildes mit der “burg” lag in einem Graben. Über holprige Straßen ging es in Richtung der kleinen Stadt. Unsere Geschwindigkeit war aus Angst, unser Auto könnte sich in seine Bestandteile auflösen, nur mäßig. Mutige Trabbifahrer vertrauten dagegen der Kunst ihrer Autobauer und überholten uns in Massen und durchpflügten die Schlaglöcher. Schließlich erreichten wir unser Ziel.
Zuvor wollten wir zu Begrüßung noch Blumen kaufen. Schon von Ferne machten wir aufgrund der herrlichen Ausstattung ein Blumengeschäft aus. Aber die Nähe brachte uns in die DDR zurück. Der Laden war überfüllt mit Kunstblumen. So kamen wir also ohne Blumen zu Tante, Onkel und den Kindern. Nach anfänglichem, vorsichtigen Abtasten (“Wie geht es denn so?”) verlebten wir im Haus der Familie ein paar schöne Tage.
Aber schon am späten Nachmittag des Tages unserer Ankunft drängte der Onkel, dass wir uns an der örtlichen Behörde melden müssten, denn sonst könnte es Schwierigkeiten geben. Also taten wir das. Der Ablauf war ähnlich wie an der Grenze. Nur ein Förderband gab es nicht.
In den nächsten Tagen besuchten wir deren schöne und geräumige Datscha. Bestaunten den Ladda des älteren Sohnes, den ihm ein Onkel mit Westgeld irgendwie über Berlin besorgt hatte. Wunderten uns über ein Fischgeschäft, dessen Auslage nur aus einer Fischdose bestand. Die jedoch wegen Überalterung geplatzt war und deren Inhalt die Fliesen herablief. Unser Onkel klärte uns über diesen Missstand auf: Laut Plan musste dieser Ort einen Fischladen einrichten, obwohl bekannt war, dass so gut wie nie ein Fisch das Städtchen erreichen würde.
Schämten uns, dass es im Ort zwei Tankstellen gab. Eine für Ausländer, also für uns, an der wir als einzige sofort bedient wurden. An der anderen, die direkt daneben lag, standen die Einheimischen in Schlangen mit ihren Trabbis.
Waren überrascht, dass man meine Bestellung eines Orangensaftes nicht gleich verstand. (“Ach, Sie meinen einen “Juice”!) Zu diesem offenbar von den Amerikanern übernommenen Verhalten passte allerdings der Umstand, dass man sich im Lokal keinen Platz aussuchen konnte. “Folgen Sie bitte den Anweisungen des Personals.” Auch dass man während der Mittagszeit dort nicht rauchen durfte. Die Raucher standen draußen vor der Tür bis deren Frauen sie hereinriefen: “Karl, das Essen ist da!” Aber diese Regelung hat man jetzt nach Jahrzehnten auch bei uns übernommen.
Freute und wunderte mich, dass der Onkel meine mit schwarzen Einschlüssen übersäte Kartoffeln gern annahm und mit Genuss verspeiste. Waren Kartoffeln so rar? Erschreckte, dass Kinder sich anboten, auf unser Auto für ein Kaugummi den ganzen Tag aufpassen zu wollen.
Machte einen großen Fehler, dass ich in einem Park von einem DDR-Bürger alte Münzen gegen DM kaufte. Blieb unbemerkt, hätte aber böse enden können.
Stellte fest, dass die meisten Jugendlichen “Ökonomen” waren.
Freute mich, dass wir bei einer Ausfahrt in den Ostharz einen kleinen Jungen unsere restlichen Ostersüßigkeiten, die wir aus Scham gegenüber unseren Verwandten als überheblicher Westler auftreten zu wollen denen nicht überreicht hatten, in die Hände drücken konnten. Sehe noch heute, wie dieser uns anstarrte und dann glücklich nach Hause rannte. "Mutti, ich glaube, ich habe den Osterhasen gesehen!" Dieser Ausruf ist aber nicht verbürgt.
Wunderte mich, dass Straßen nur bis zur Hälfte neu geteert waren, dafür der Hof des nahen Bauernhofes aber gleichfalls eine neue Teerdecke hatte. Nachbarschaftshilfe.
Ärgerte mich, dass die Tür des Konsums gegenüber der Wohnung unserer Verwandten bei jeder Öffnung laut quietschte und uns aus den Schlaf riss und keiner auf die Idee kam, diese zu ölen.
War überrascht, dass es am Hexentanzplatz bei Thale im Harz zwei Parkplätze gab. Einen für Ostler und einen für Westler. Wie bei den Tankstellen. Die Erklärung des Platzwartes: “Ja, das muss sein. Die klauen hier sonst die Mercedessterne und die BMW-Radkappen!”.
Versuchte zum Abschluss unseres Besuches die restliche Ostmarkt umzusetzen, da sie die Verwandtschaft nicht nehmen wollte. Gelang mir bestens, durch Kauf eines Richter-Zirkelkastens und einiger antiquarischer Fachbücher.
Lachte, als die wohlbeleibte Tante zweifelte, ob wir mit unserem West-PKW wohl den Anstieg zum Kyffhäuser schaffen würden. Staunte, dass die DDRler sich in ihrem Land offensichtlich wohlfühlten. Es herrschte ein reger Tauschhandel. Fleisch gegen Kartoffeln, Obst und Gemüse, Kleidung gegen Ersatzteile für den Trabbi. Bier und Schnaps für urige Feten in den Datschen gab es zu Genüge. Man schien zufrieden. Ob sie es wirklich waren, konnten wir nicht ergründen. Wir mochten aber auch nicht fragen.
Ich aber sehnte mich nach der Rückreise. Ich wusste, hier kannst Du nicht leben. Du bist zu verwöhnt. Schwor mir, nie wieder auf die vermeintlich schlechten Seiten des Westens zu schimpfen. Aber nach etwas zeitlichen Abstand habe ich ungerechterweise den Schwur gebrochen.
Die Rückfahrt verlief ähnlich wie die Hinfahrt. Abmeldung bei der Behörde. Schleichfahrt auf den Nebenstraßen. Trabbis überholten. 100 km/h auf der Transitautobahn. Deren Zustand war aber auch auf diese Geschwindigkeit abgestimmt, denn er entsprach noch dem zu Hitlers Zeiten.
Grenze Marienborn. Auto wurde durchwühlt. Unser Zettel, auf dem die Dinge aufgeführt waren, die wir mitgenommen hatten (u.a. ein kleines Uraltregal), wurde sorgfältig kontrolliert. Unsere hintere Sitzbank sollte angehoben werden, scheiterte aber an meinem “Unwissen” und an der Fertigkeit des Zollbeamten. Menschliche Züge kamen zu Tage:” Na, dann lassen Sie mal!” Durchfahrt.
Uns war es gut ergangen. Wir beobachteten, wie andere Fahrzeuge herausgewinkt wurden und die Insassen den gesamten Inhalt ihrer Autos auf einem Tisch ausbreiten mussten. Das konnte Stunden dauern.


Wir waren wieder im “Goldenen Westen”. Tief durchatmen. Nur weg. Endlich wieder Gas geben. Mit 170 (oder so) km/h ging es heimwärts. Ich fühlte mich wie nach Abbüßung einer Strafe aus dem Zuchthaus entlassen. Aber das war ungerecht. Wir wurden bestens und liebevoll umsorgt. Und beim Abschied flossen Tränen. Nein, wir waren nicht im Zuchthaus, wir waren nur in einer anderen, uns fremden Welt

p.s. Das Gebiet der ehemaligen DDR haben wir erst wieder nach der Wende betreten. Anfangs noch mit sehr gemischten Gefühlen. Aber die Gewöhnung kommt nur langsam. In Ost und West.


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